Blutplasma für Vietnam: Ein Solidaridätsflug nach Hanoi über Moskau und Peking vom 03.-09.10.1970.

Es ist zwar schon fast 40 Jahre her, aber der Flug bleibt für mich unvergesslich. Es war mein erster Langstreckenflug überhaupt. Bis auf den Navigator Helmut Haß waren wir eine "SW-Besatzung", also waren für NSW (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) noch nicht zugelassen. Captain war Willy Rohr, Leiter der Il-18-Staffel der Interflug. Die reine Gesamtflugzeit betrug 36 Stunden und 36 Minuten.
Kurz nach dem Einflug in Polen und noch im Steigflug auf die Reisehöhe bemerkten wir, dass Klimaanlage und Konditionssystem fehlerhaft arbeiten. Wir setzten den Flug nach Moskau in einer niedrigen Flugfläche fort, in der Hoffnung, die Reparatur dort ausführen zu lassen. Bei der Zwischenlandung in Moskau stellte sich aber heraus, dass für die notwendige aufwendige Reparatur keine Ersatzteile am Lager waren. Wir waren gezwungen, unsere Il-18 zu tauschen und es wurde sofort eine Ersatzmaschine von Berlin nach Moskau geflogen. Die gesamte Fracht wurde von der DM-STK in die DM-STO umgeladen. Auf solchen Flügen war es üblich, dass wir beim Umladen der empfindlichen Fracht als Crew voll integriert waren. Zum Glück war die Crew verstärkt worden, so dass bis auf den Bordingenieur Hans Gerards für jeden eine Ablösung möglich war. Ich saß erst mal bis weit hinter dem Ural rechts vorn und das war für mich damals ungewohnt lange. Bis Irkutsk flog dann der erste Pilot Benno Sziedat vorn rechts. In Irkutsk kamen ein Navigator und ein Funker der Aeroflot an Bord, die bis zum Einflug in die VR China Navigation und Sprechverkehr übernahmen. Nach dem Start in Irkutsk lag der schöne Baikalsee vor uns im Gegenlicht und dahinter flogen wir in die Mongolische VR ein. Jetzt waren vorwiegend Berge, Wüste und Steppe zu sehen. So spärlich wie die Vegetation waren auch die Boden-Navigationsmittel.
Kurz nach Einflug in China sahen wir endlich die heiß ersehnte Chinesische Mauer und landeten 30 Minuten später auf dem Flughafen in Peking. Ich dachte 17 Jahre später auf der Peking-Linie mit der Il-62 oft an diesen Flug. Mitarbeiter unserer Botschaft empfingen uns und gaben einen kleinen Empfang mit einem Essen an einem großen runden Tisch im Flughafenrestaurant. Als Souvenier nahmen wir uns jeder eine Mao-Biebel mit und so waren wir für den Weiterflug gerüstet.
An Stelle der beiden Aeroflot-Leute nahmen jetzt ein chinesischer Navigator und ein Funker im Cockpit platz. Sie waren etwas zurückhaltend und unzugänglich auf dem Hinflug. Die 2 dicken Zigarren von Helmut Haß haben sie höflich angelehnt. Auf dem Rückflug, als sie nach der Landung in Peking von Bord gingen, haben sie die Zigarren aber doch noch lächelnd angenommen und schnell weggesteckt. Auf dem Flug von Peking nach Hanoi überquerten wir fast das ganze China von Nord nach Süd. Die Landschaft war immer wieder neu sehr beeindruckend. Mit Überflug der weitläufigen Kegelkarstgebiete im Süden stieg aber auch langsam die Spannung, ob wir sicher über die Grenze nach Hanoi kommen, oder ob wir vorher noch mal runter müssen, wenn Airforce- oder US-Navi-Piloten Hanoi oder Haiphong gerade bombardieren. Bei vorangegangenen Flügen ist das vorgekommen.
Die beiden chinesischen Besatzungsmitglieder begaben sich nach hinten, als wir Funkkontakt mit Hanoi hatten. Wir erfuhren, dass momentan keine Angriffe auf Hanoi zu erwarten sind und landeten wenig später auf dem Flughafen von Hanoi-Gia Lam.


An dieser Stelle einige Ausschnitte aus der ND-Reportage von Karl-Heinz Hagen zu unserem Flug, veröffentlicht im ND am 29.11.1970









Meine Fotos von diesem Flug passen auf eine Albumseite. Es war kaum Zeit zum Fotografieren und der Rest der Fotos ist leider unscharf oder falsch belichtet.

Über die aus der französischen Kolonialzeit stammenden Brücke über den "Roten Fluß" oben mitte rollte der endlose Verkehrsstrom von Osten her, vor allem vom Hafen in Haiphong. In der Mitte führte die Eisenbahnstrecke darüber und an den Außenseiten der Straßenverkehr. Die Brücke wurde fast täglich bombardiert, aber immer wieder ausgebessert. Erst später wurde noch eine Ponton- Brücke für vorwiegend millitärische Nutzung ausgelegt.

Im Auftrag des Deutschen Fernsehfunks entstand im Sommer 1967 in der Demokratischen Republick Vietnam unter der Leitung der beiden Autoren Heynowski und Scheumann der mehrteilige Dokumentarfilm "Piloten im Pyjama". Der Film wurde in mehreren Folgen im Fernsehen der DDR gezeigt. Unter dem gleichem Titel erschien 1968 das Buch dazu. Nach freiwilliger Bereitschaft wurde mit zehn abgeschossenen US-amerikanischen Militärpiloten Gespräche geführt. Neun der befragten Piloten übergaben den Autoren Briefe, die sie an ihre nächsten Angehörigen in die Vereinigten Staaten geschrieben hatten. Sie erklärten sich damit einverstanden, dass die Briefe gelesen und gegebenenfalls publiziert werden. Die Veröffentlichung war erst nicht vorgesehen. Da das Pentagon aber in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken suchte, die gefangenen Piloten dürften ihren Angehörigen in der Regel überhaupt nicht schreiben, entschieden sich die Autoren für die Veröffentlichung.

Die Fotos zum Buch sind von Thomas Billhardt.

Die Luftangriffe auf das Territorium von Nordvietnam wurden ohne Kriegserkärung von Südvietnam,
Laos, Thailand und von Flugzeugträgern aus geflogen. Ich erinnere mich noch gut an die zahllosen
"Einmann"-Splitterschutzlöcher überall in Hanoi. In einer Info-Ausstellung sahen wir abgeworfene Puppen
und andere Spielsachen, die mit Sprengsätzen präpariert waren.
Der Pilot auf dem Foto rechts oben ist Oberstleutnant/Oberst Robinson Risner. Kommodore eines F-105-
Auflärungsgeschwaders vom US-Stützpunkt Korat in Thailand. Er wurde nach der Bewaffnung der F-105
Thunderchief gefragt. Wir hatten Bomben, Raketengeschosse und ein Geschütz an Bord. Nach der Art der
Bomben befragt, antwortet er folgendermaßen: "Normalerweise war alles, was wir an Bord hatten, als ich
abgeschossen wurde, 750-Pfund-Vielzweckbomben. Die werden gebraucht nur für - das sind hochexplosive
Bomben, und sie haben keinen speziellen Zweck." Aus allen zehn Gesprächen mit den Piloten ist zu erkennen,
dass sie sich für die Art und Wirkung der Bomben nicht interessierten. Sie bezog sich auf ihre Aufgabe und
ihr Handwerk im Krieg. Da ist das eben so. Sie haben ihren Job gemacht. Im Gespräch mit Oberstleutnant
James Lindberg Hughes unter Fliegeralarm bestätigt er, dass er die Kugelbomben am meisten fürchtet.
Die "freien" Medien in der Bundesrepublick haben sich damals für solsche Menschenrechtsverletzungen
nicht interessiert. Wurden doch die USA und ihr erster Brückenkopf Israel sowieso schon immer ausge-
klammert. Das ist bis heute so geblieben. Menschenrechtsbetrachtungen aus Sicht der BRD werden rigoros
dem politischem Gesamtkonzept des Antikommunismus untergeordnet. Auch unter der Bundeskanzlerin
Angela Merkel.


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